
Zitat von
applechess
Vielleicht kann Wolfgang sein Gefühl mit "Fakten" untermauern. Aber im Schach kommt Leistung
vor Schönheit. WM Emanuel Lasker hat nicht schön gespielt, war aber doch äusserst erfolgreich.
Es gab nicht viele Schachspieler, die schön gespielt und gleichzeitig top waren wie z.B. Akiba
Rubinstein und José Raul Capablanca y Graupera.
...
Wenn man so will, war Anatoli Karpow der letzte positionell beziehungsweise "schön" spielende Weltmeister, dessen Spielweise in meiner frühen Jugend Vorbildfunktion hatte. Mit dem verwickelten Kasparov-Stil konnte ich weniger anfangen.

Zitat von
Solvac
Das bedeutet natürlich nicht, dass er den Vancouver in jeder Stelung in Grund und Boden rechnen muss. Aber woher kommen denn die Punkte im Wettkampf?
Das ist in den Partiekommentaren und in meiner ersten Stellungnahme zum Vancouver-Vergleich nun hinlänglich beschrieben.

Zitat von
Solvac
Du hast es schon mehrfach geschrieben, Du magst den Spielstil nicht, Taktik spielt vielleicht erfolgreich, aber nicht schön. Nur wirst Du dieses Gefühl nie durch "Fakten" belegen können, die Ästhetik einer Schachpartie entzieht sich dem einfach.
Ich mag den Spielstil vom Vancouver nicht ? Nein, das stimmt nicht. In diesem Punkt stimme ich mit Sascha (Mythbuster) absolut überein. Vancouver spielt (wie auch Polgar) ganz sicher in Summe das "menschlichere", schönere Schach als Millennium. - Und vor allem in einer Form, von der man als das Schachspiel Lernender sich etwas abschauen kann.
Ich sage nur - und das habe ich in den Partien ausführlich beschrieben - dass gut (ästhetisch) aussehende "gesunde" Stellungen eben keine Garantie sind für erfolgreiches Spiel.
Und hier bringe ich den Begriff "Maximalaufstellung" ins Spiel und nehme als Beispiel die Partie Nr. 9 nocheinmal her.
[Event "30 min/Partie, Klassisches Buch"]
[Site "9. Partie"]
[Date "?"]
[Round "?"]
[White "Meph. Vancouver 68020"]
[Black "Millennium CG Exclusive"]
[Result "0-1"]
[ECO "D12"]
[Opening "Damengambit (Slawische Verteidigung)"]
[Variation "4.e3 Bf5 5.cxd5 cxd5 6.Nc3"]
[TimeControl "240+6"]
[Termination "normal"]
[PlyCount "135"]
[WhiteType "human"]
[BlackType "human"]
{Vancouver gab im Mittelspiel ein spielbares Qualitätsopfer. Das Endspiel
mit Läufer + Mehrbauer gegen den Turm wäre wahrscheinlich zu halten
gewesen. Aber das klassische Programm leistete sich Abwartezüge zum
falschen Zeitpunkt und begab sich mit dem König zum Damen- anstatt dem
Königsflügel. Damit war die Partie binnen zehn Zügen entschieden.} 1. c4 e5
2. Nc3 Nf6 3. Nf3 Nc6 4. e3 Be7 5. d4 exd4 6. Nxd4 O-O 7. Nxc6 bxc6 8. Be2
d5 9. O-O Bd6 10. cxd5 cxd5 {*} 11. b3 {*} c6 12. Bb2 Qe7 13. Qd3 Qe5 14.
g3 Bf5 15. Qa6 Bd7 16. Rac1 Rfb8 17. Na4 Qe7 18. Bd3 Ne4 19. Rfd1 Ng5 {in
Erwartung des Qualtätsopfers für einen Bauern Tc6!?} 20. Rxc6 Bxc6 21. Qxc6
{+0,46/+0,03} Be5 22. Bxe5 Qxe5 23. Nc3 Nh3+ {! +1,01/-0,45} 24. Kg2 Nxf2
25. Kxf2 Rc8 {Damit hat Schwarz seinen Isolani af d5 los gebracht und dafür
Weiß einen auf e3.} 26. Qxd5 Qxc3 27. Be4 Rab8 28. Qd4 Qa5 29. Rd2 Rd8 30.
Bd5 Kh8 {! der beste Zug, nach 01:14 gefunden. Bewertung: +1,46} 31. Ke2 f6
{? übersieht f7-f5} (31. .. f5) 32. e4 Rbc8 33. Kf2 Qc3 {+1,65/-1,27} 34.
Qxc3 Rxc3 35. Ke2 Rc7 36. Rd4 {-0,81. Wenn Schwarz nichts tut, wird
Vancouver das Endspiel halten können.} Rc2+ 37. Rd2 Rxd2+ 38. Kxd2 g6 39.
b4 Rc8 40. a4 h5 41. h4 Kg7 42. b5 Rc5 43. Be6 {mit einer Serie nutzloser
Läuferzüge verliert Vancouver eine Reihe von Tempi, so dass Schwarz in
Kürze klar auf Gewinn stehen wird.} (43. Kd3 Rc1 44. a5 Ra1 45. a6 Rg1 46.
b6 Rxg3+ 47. Ke2 axb6 48. a7 Ra3 49. a8=Q Rxa8 50. Bxa8 g5 51. hxg5 fxg5
{=}) 43. .. Kf8 44. Bd5 Ke7 45. Bg8 Rc7 46. Bd5 Kd6 47. Bc6 Re7 (47. ..
Rxc6 {!} 48. bxc6 Kxc6 49. Kc3 Kc5 50. a5 a6 {0:1}) 48. Kc3 Kc5 {+1,96} 49.
Ba8 Rg7 {! +2,12} 50. Bd5 {-1,63} g5 51. Be6 gxh4 52. gxh4 Rg1 53. Bf7 Rg4
54. Bxh5 Rxe4 55. Bd1 Rxh4 56. Kb3 {? -2,21 auch wenn es ohnehin vorbei
ist, verteidigt sich Weiß besonders schlecht. Der König müsste richting
f-linie marschieren. Die Verteidigung von a4 könnte der Läufer übernehmen.}
f5 {+3,65} 57. Be2 Rh3+ {+4,40} 58. Kc2 Kb4 59. Bd1 Kxa4 60. Kd2+ Kxb5 61.
Be2+ Kb4 62. Ba6 Ra3 63. Bb7 a5 64. Bc8 f4 65. Bd7 a4 66. Bxa4 Rxa4 67. Ke2
Kc3 {+16,28} 68. Kf2 {-6,87} 0-1
Man betrachte sich die Situation nach dem 42. Zug .... Tc5:
Statisch betrachtet hat Vancouver mit Weiß eine Maximalaufstellung seiner Figuren erreicht, mit den positiven Eigenschaften:
- Der König beherrscht die c-Linie. Schwarz kann nicht beispielsweise Tc1 (später dann Ta1 oder Tg1) ziehen.
- Die schwarzen Bauern sind bestmöglich fest gesetzt.
Und jetzt ist es so, dass Weiß an dieser Situation festhält und dabei nicht erkennt, dass Schwarz mit dem Einsatz seines Königs seine Stellung deutlich verbessern kann.
Weiß hätte - aller Ästhetik zum Trotz - etwas unternehmen müssen. Beispielsweise mit dem König voran gehen, auf die Bauernmehrheit am Damenflügel setzen und notfalls g3 auf zu geben.
Zugegeben, das ist durchaus strategisch nicht so einfach. Aber die Neigung, es sich bei positiver eigener Stellung in der "Komfortzone" gemütlich zu machen, nur noch wenig zu tun, ist bei den alten RL-Programmen besonders ausgeprägt. Hat ja auch viele Jahre Erfolge eingebracht.
Und darauf, dass dann ein "Wadenbeißer"-Programm daher kommt, alle möglichen positionellen (ästhetischen) Grundsätze über Bord wirft, und sich dann wie in der 5. Partie gesehen, gar noch einen entfernten Freibauer bildet, das wird in der selektiven Suche des Vancouver dann nicht gesehen.
Das ist alles letzten Endes erklärbar bzw. anhand des Partienmaterials sichtbar.
Gruß
Wolfgang