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Alt 16.06.2019, 18:18
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AW: Der DGT Centaur - Die Review

Hi,

Ich persönlich habe Schachcomputer immer als anspruchsvolle und jederzeit zur Verfügung stehende Trainingspartner für das "Menschen-Schach" gesehen, quasi als qualifizierte Eintrittskarte in den Schachverein.

Schon die Schachcomputer der zweiten Generation waren taktisch so stark, dass man vom Training mit diesen Geräten durchaus profitieren konnte und seine persönliche Fehlerquote zumindest in taktischer Hinsicht deutlich reduzieren konnte.

Als weitaus größere Herausforderung sollte sich aber die Generierung eines menschlichen Spielstils herausstellen. Die Begrenzung der Suchtiefe führt naturgemäß nur zu einer Reduzierung der taktischen Sichtweite, typische Computerzüge werden weiterhin gemacht, durch wahlweises Abschalten des Eröffnungsbuches verstärkt sich dieser Effekt noch. Für mich persönlich ist es z. B. stets ein Graus, gegen den Stockfish-Clone in Square-Off zu spielen, da in der Eröffnung quasi fast ohne Repertoire gespielt wird und das bis in die höchsten Spielstufen. Das schmerzt mich ungemein als Turnier-/Vereinsspieler mit Trainerlizenz Trainer, der nach Partien stets manuelle Analyse und Eröffnungsnachbereitung macht.

Es mag nun andere Forumsmitglieder geben, denen einzig und allein das Duell gegen die Engine wichtig ist. Die einfach nur eine unterhaltsame Partie spielen wollen und auch mal ein Erfolgserlebnis haben möchten.

In einem Punkt sind sich sicherlich beide Parteien einig: Bitte möglichst wenig Computerzüge und ein kleines, möglichst feines Eröffnungsbuch sollte schon dabei sein.

Und nun zur Adaption der Spielstärke:
Mir reicht die Begrenzung der Suchtiefe aus. Hat die Engine Ahnung von Strategie, Schachwissen, dann reicht die Begrenzung der Suchtiefe aus: Der Stil wird nicht verändert, die Engine nicht "zwangsverdummt".

Zur adaptiven Anpassung möchte ich folgendes loswerden:

Wie ist es denn in der menschlichen Praxis? Passt sich mein Gegner nach jedem Zug meinem "Stiefel" an? Also ich weiß nicht, bei Anfängern gilt vielleicht der Grundsatz, der vorletzte Fehler gewinnt. Bei guten Vereinsspielern reicht oft schon ein Bauer, sofern es sich um ruhige Stellungen handelt.

Grundsätzlich möchte ich auch noch was loswerden zum Einsortieren in Spielstärkekategorien. Die Kategorien werden oft in Lehrbüchern definiert oder auch in Rahmenlehrplänen des DSB. Was muss Spieler mit DWZ XXX theoretisch können z. B.

Auch wenn ich mich als Trainer an diese Vorgaben bei Kaderunterricht grob zu halten habe, persönlich habe ich aber folgende Meinung:

Es gibt in der Praxis nicht den Einheits-Spieler mit DWZ 2000. Da gibt es den starken Taktiker, der aber wenig Ahnung vom Endspiel haben muss, weil er meistens die Partie schon vorher entschieden hat. Und dann gibt es den Jugendspieler, der Bauernendspiele super spielen kann, aber meistens schon im Mittelspiel unter die Räder gekommen ist. Oder der Jugendspieler, der taktisch durchaus viel sieht, aber regelmäßig vom Senior im Verein überspielt wird, weil der die Taktik aus der Stellung nimmt und mit seiner Erfahrung den längeren Atem hat.

Sicherlich provokante Beispiele, aber ich frage deshalb provozierend: "Wie" soll denn der adaptive Spielstil realitätsnah umgesetzt werden? Ich kann da keine eindeutige Vorgabe an einen Programmierer machen...


Nun speziell zum Centaur:
Ich habe gestern in einem Nachbarforum gelesen, dass ein Schachfreund ziemlich sicher ist, dass der Centaur aus vergangenen Partien "lernt". Was ihn aber wohl stört, der Centaur zeigt dieses adaptives Verhalten auch in den Topstufen. Das irritiert mich natürlich schon. Dazu sollte sich doch eigentlich was im Handbuch finden. Da impliziert natürlich, dass man das Gerät regelmäßig resetten muss bei Tests/Besitzerwechsel, sofern die Vermutungen des Schachfreundes stimmen.

Ehrlich gesagt zweifele ich mittlerweile daran, ob der Hype über den Spielstil überhaupt gerechtfertigt ist. Außer der Werbeaussage keine Dokumentationen seitens des Herstellers, über den "Vater" des Stockfish-Klons ist nichts bekannt. Sollte das Programm wirklich komplexe softwareseitige Fähigkeiten/Features besitzen, dann stellt sich mir die Frage erneut und viel deutlicher: Warum bringt DGT sowas ohne Update-Schnittstelle auf den Markt? Dass man da aufgrund des Marktdruckes unbedingt den Zeitplan einhalten sollte, kann ich ja durchaus verstehen,aber dann muss man doch auf Auslieferung-Bugs reagieren können. Zu meiner Überraschung haben Sie am Hardwaredesign in letzter Minute auch keine Änderungen mehr vorgenommen, obwohl bestimmte Kritikpunkte offensichtlich waren und es für die Hardware durchaus wortgewaltige Betatester seit 2018 gab.

Wir reden hier doch nicht über ein Gerät zum Einsteigerpreis. Also auf mich macht das den Eindruck, dass man ein halbfertiges Gerät auf den Markt geworfen hat und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn man das Gerät wegen seiner spartanischen Ausstattung preist. Mich erinnert es derzeit eher an ein Trojanisches Pferd statt an einen Centaur und ich hoffe, Michael und Sascha können das Geheimnis vollständig lüften.
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applechess (16.06.2019), Egbert (16.06.2019), RetroComp (16.06.2019)